Stuttgarter Nachrichten, 1. Oktober 1999

Stuttgarter Figurenspieler im Porträt (I): Stephanie Rinke

Wenn sich alte Briefe zu Wort melden

Stephanie Rinke und Anja NoetzelIn Stuttgart gab es den ersten Studiengang für Figurenspiel an einer westdeutschen Hochschule, entsprechend lebendig ist die Szene. Wir stellen ihre Protagonisten vor, heute: Stephanie Rinke.

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Grotesk wirkt er, der Geselle mit nur einem Bein, wie er verwundert die Augenbraue lupft. Vielleicht staunt er über Kafka, der eine Eisenkette hinter sich herzieht - mit einem Ohr dran, größer als sein eigener Kopf. Vielleicht über Stephanie Rinke, die als Badenixe verkleidet auf der Bühne Kafkas Fäden zieht. Paradox, würde man sagen. Paradox - so heißt auch Rinkes Figurentheater. Der Name war schnell gefunden: "Etwas, was tot ist, fängt auf einer Bühne einfach an zu leben - wenn das nicht paradox ist", sagt Rinke. In den zwei Jahren als freie Puppenspielerin hat sie vor allem eine Erfahrung gemacht: Wenn Figur und Spieler auf der Bühne stehen, ist die Figur immer stärker, ihr Zauber wirkt sofort.

Rinke kommt aus Bremerhaven. Bevor sie in Stuttgart mit dem Figurentheaterstudium begann, bastelte sie in Hannover zwei Jahre lang Puppen und Kulissen. In Stuttgarts Szene machte sich die 28-Jährige mit ihrer Diplomarbeit ,,Bossa Nova - Totentanz im Petticoat" einen Namen. Sie spielte zudem in "Turandot" und dem "Gestiefelten Kater" in der Staatsoper sowie in dem Kinderstück ,,Die fürchterlichen Fünf" im Fits. Heute unterrichtet Rinke neben ihren Aufführungen oder führt Regie.

Material-, Figuren- oder Objekttheater? Rinke will sich bei ihrer Arbeit nicht festlegen. Nicht in eine Schublade gesteckt zu werden, das ist ihr wichtig. "Ich will die Welt doch nicht kleiner machen, sondern öffnen." Wie in "Bossa Nova": In ihrem Stück "über eine Frau, die in einem verlassenen Zimmer von den Gespenstern ihrer Vergangenheit heimgesucht wird", wirbeln Schauspiel, Figurenspiel und Objekte durcheinander. Rinke ist Schauspielerin und Puppenspielerin zugleich, ihre kranke "Schwester" hat sie aus Bettlaken erschaffen. Nichts auf der Bühne, was nicht leben würde: der Kasper, die Handtasche, ein Skelett auf Skiern. Sogar die Tapete spielt mit.

"Etwas, das sich aus der Vergangenheit zu Wort meldet", das fasziniert die Figurenspielerin immer wieder aufs Neue. Auch in "Eine Angelegenheit der Nacht", ihrem neuesten Werk, das sie mit Anja Noetzel spielt.

"Eine Collage über innere und äußere Zustände", so beschreibt Rinke das Stück. Der Hintergrund: Briefe zwischen Franz Kafka und seiner Geliebten Milena Jesenská. Die Idee, "Briefe zu inszenieren und ihnen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu verleihen, fand ich sehr reizvoll", erklärt Rinke. Gegensätze interessieren sie: zwischen Milena' die selbst im KZ "tanzt wie auf dem Pariser Boulevard", und Kafka, ganz Schriftsteller, der ohne Arbeit zu Grunde geht. Der Kunststiftung Baden-Württemberg war die "Angelegenheit" ein Stipendium wert. Wer sich als Figurenspieler etablieren will, "muss sich mit jedem Stück neu beweisen", so Rinke. Das falle im Schwabenland nicht leicht: "Man könnte meinen, Schwaben lassen sich nicht gern überraschen." (Zu "Eine Angelegenheit der Nacht" lädt das Fits heute und morgen, Samstag, der "Bossa Nova" tanzt am 29. und 30. Oktober)

Petra Otte


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